Marktrisiko
Wie tief kann der MSCI World fallen? Die großen Einbrüche seit 2000, in Euro gerechnet
Das Wichtigste in Kürze
- Der MSCI World verlor in der Dotcom-Krise −54 % in Euro (Tief März 2003, 31 Monate Abstieg) und in der Finanzkrise −48 % in 16 Monaten, laut Finanztip.
- Verkettet lag eine Einmalanlage vom Hoch des Jahres 2000 zwischenzeitlich bis zu −60 % unter Wasser; die Erholung dauerte über 13 Jahre (Stiftung Warentest).
- Eine Einmalanlage von Ende 1999 bis Frühjahr 2013 brachte nominal ~0 % p.a. in Euro, ein monatlicher Sparplan im selben Fenster ~2,3 % p.a. (Lazyinvestors).
- Der Vanguard FTSE All-World ETF (A1JX52) existiert erst seit dem 22.05.2012: Der ETF ist nur deshalb nie um 50 % gefallen, weil es ihn 2008 noch nicht gab. Der Index, den er kopiert, ist es.
- Gerd Kommer zählt sechs Einbrüche ≥ 45 % (real) seit 1900: Rund −50 % sind der historische Eintrittspreis des Aktienmarkts.
Wie tief kann der MSCI World fallen? Die Antwort aus der Kurshistorie, in Euro gerechnet: −54 % in der Dotcom-Krise (Tief März 2003, nach 31 Monaten Abstieg), −48 % in der Finanzkrise (Oktober 2007 bis März 2009). Und wer am Hoch des Jahres 2000 eingestiegen ist, lag in der verketteten Doppelkrise zwischenzeitlich bis zu −60 % unter Wasser und wartete über 13 Jahre auf den alten Depotstand.
Das sind keine Zahlen von Crash-Propheten. Sie stammen von Finanztip, Stiftung Warentest und aus dem Blog von Gerd Kommer, also aus dem Zentrum des deutschen Passiv-Konsenses. Dieser Artikel führt die großen MSCI-World-Einbrüche seit 2000 in einer Tabelle zusammen, in Euro und mit Messmethode. Er erklärt, warum der Wechselkurs dieselbe Krise mal tiefer und mal flacher aussehen lässt, warum der FTSE All-World keine Ausnahme ist, und stellt ganz am Ende eine Frage, die in Drawdown-Tabellen selten steht.
Was sagen Kommer, Stiftung Warentest und Finanztip selbst?
Man muss den Passiv-Vertretern eines lassen: Sie beschönigen die Fallhöhe nicht. Gerd Kommer, der vermutlich meistzitierte Vertreter des passiven Investierens im deutschsprachigen Raum, zählt in seinem Blogbeitrag „Welt-Aktienmarkt: Warum er jede Krise übersteht" seit 1900 sechs Einbrüche des Welt-Aktienmarkts von real, also nach Inflation, mindestens 45 %. Sechs Mal in 125 Jahren. Im Schnitt grob einmal pro Generation.
Stiftung Warentest beziffert den schwersten Verlust des MSCI World in ihrem Index-Porträt auf test.de mit „bis zu 60 Prozent". Gemeint ist die verkettete Doppelkrise aus Dotcom-Crash und Finanzkrise zwischen 2000 und 2013, in Euro gerechnet. Und Finanztip trägt in „MSCI World im Minus: Diese Einbrüche waren viel schlimmer" die Einzelheiten zusammen: −54 % in der Dotcom-Krise, und nach der Doppelkrise vergingen über 13 Jahre, bis eine Einmalanlage ihren Einstand wieder erreichte.
Halte diesen Punkt einen Moment fest, denn er trägt den Rest des Artikels: Der deutsche Passiv-Konsens kommuniziert selbst und offen, dass rund −50 % zum Aktienmarkt dazugehören. Wer „einfach passiv" investiert, akzeptiert diese Fallhöhe als Eintrittspreis, meist ohne sie je so deutlich gelesen zu haben. Das ist keine Schwäche des passiven Ansatzes. Es ist seine ehrlichste Stelle.
Die großen Einbrüche seit 2000: die Tabelle in Euro
Die folgende Übersicht versammelt die vier großen MSCI-World-Einbrüche seit 2000 aus Sicht eines Euro-Anlegers, dazu die verkettete Doppelkrise als eigene Zeile. Jede Zahl steht mit Währung, Zeitraum und Messhinweis da, denn genau daran scheitern viele Vergleiche im Netz: USD- und EUR-Zahlen derselben Krise können um mehrere Prozentpunkte auseinanderliegen, Preis-, Netto- und Total-Return-Indizes ebenfalls.
MSCI World: maximale Drawdowns in Euro seit 2000
Quelle: Stiftung Warentest, Finanztip, Biallo. Einzelnachweise im Quellenverzeichnis
MSCI-World-Drawdowns seit 2000: Euro-Sicht, Dauer, Erholung und USD-Vergleich
| Krise | Drawdown in EUR | Weg zum Tief | Erholung | USD-Sicht und Messhinweis |
|---|---|---|---|---|
| Dotcom-Krise | −54 % | 31 Monate bis zum Tief im März 2003 | ging in die Finanzkrise über; vollständig erst mit der Doppelkrise | in USD flacher (~−45 bis −50 %), Tief bereits Oktober 2002. Der starke Euro verschärfte den EUR-Verlust |
| Finanzkrise | −48 % | Oktober 2007 bis März 2009, 16 Monate | in USD ~53 Monate ab dem Tief vom März 2009 | in USD tiefer: −54 % bis −57,8 %, je nach Preis- oder Total-Return-Index und Tages- oder Monatsdaten |
| Doppelkrise 2000 bis 2013 (verkettet) | bis zu −60 % | Einmalanlage vom Hoch 2000, Tief in der Finanzkrise | erst nach über 13 Jahren, im Frühjahr 2013 | Einmalanlage nominal ~0 % p.a. in EUR über das volle Fenster, Sparplan ~2,3 % p.a. |
| Corona-Crash 2020 | −34 % | Frühjahr 2020, binnen Wochen | noch im selben Jahr | kürzester der großen Einbrüche seit 2000 |
| Kalenderjahr 2022 | −14 % (Kalenderjahr) | Hoch Anfang 2022, Tief im Herbst | Erholung 2023 | in USD tiefer: das MSCI-World-Kalenderjahr lag bei −17,7 %; der S&P 500 als USD-Näherung fiel intrajährig sogar ~−25 %. Der starke Dollar schützte Euro-Anleger |
Warum sehen dieselben Krisen in Euro und Dollar so verschieden aus?
Der MSCI World wird in Dollar berechnet, ein deutsches Depot zählt in Euro. Dazwischen liegt der Wechselkurs, und der hat in den großen Krisen kräftig mitgespielt, nur nicht immer in dieselbe Richtung.
In der Dotcom-Krise wertete der Euro gegenüber dem Dollar auf. Für Euro-Anleger kam zum fallenden Index ein fallender Dollar dazu: In USD erreichte der MSCI World sein Tief bereits im Oktober 2002 bei rund −45 bis −50 %, in Euro fiel er weiter, bis März 2003 auf −54 % (laut Finanztip). 2022 lief es genau andersherum. Der Dollar wertete stark auf und federte für Euro-Anleger einen guten Teil des Rückgangs ab: In Euro endete das Kalenderjahr bei −14 %, in Dollar lag die MSCI-World-Kalenderjahresrendite bei −17,7 %. Der S&P 500, als Näherung für die USD-Entwicklung des MSCI World, fiel intrajährig sogar ~−25 %.
Der Wechselkurs ist also kein Detail, sondern ein eigener Risikofaktor, der Drawdowns verschärfen oder dämpfen kann, ohne dass sich vorher sagen lässt, welche Richtung er nimmt. Dazu kommt die Messmethode. Für die Finanzkrise findest du in seriösen Quellen USD-Werte von −54 % bis −57,8 %, je nachdem, ob Preis- oder Total-Return-Index und Tages- oder Monatsdaten zugrunde liegen (MSCI-World-Kurshistorie in US-Dollar). Ein ehrlicher Vergleich nennt deshalb Spannen statt einer scheinbar exakten Einzelzahl, und genau so halten wir es hier.
Über 13 Jahre ohne Rendite: die verlorene Dekade
Die Tiefe eines Einbruchs ist nur die halbe Wahrheit. Die andere Hälfte ist die Zeit, die er kostet. Wer Ende 1999 eine Einmalanlage in den MSCI World gesteckt hat, erreichte laut Lazyinvestors erst im Frühjahr 2013 nominal wieder seinen Einstand: ~0 % p.a. über mehr als 13 Jahre, in Euro und vor Inflation. Ein monatlicher Sparplan kam im selben Fenster auf ~2,3 % p.a., weil die Raten in den billigen Jahren mehr Anteile kauften. Das relativiert den Schmerz, hebt ihn aber nicht auf: Auch das Sparplan-Depot lag phasenweise tief im Minus.
Erholungsdauern im Vergleich: vom Tief zurück zum alten Hoch
Erholungszeiten gehören deshalb in jede ehrliche Drawdown-Betrachtung. Ein Verlust von 50 % braucht rechnerisch 100 % Anstieg zurück zum Ausgangspunkt, und die Historie zeigt, dass dieser Weg von wenigen Monaten bis weit über ein Jahrzehnt dauern kann. Wie lang, hängt neben dem Markt auch davon ab, in welcher Währung du zählst.
Ist der FTSE All-World schon einmal um 50 % gefallen?
In Foren liest man regelmäßig, der FTSE All-World sei „noch nie" um die Hälfte eingebrochen, anders als der MSCI World. Das stimmt für den ETF und führt trotzdem in die Irre. Der Vanguard FTSE All-World UCITS ETF (A1JX52) wurde erst am 22.05.2012 aufgelegt, die bei deutschen Anlegern beliebte thesaurierende Anteilsklasse VWCE folgte im Juli 2019. Kein Privatanleger hat die Dotcom-Krise oder die Finanzkrise in diesem Produkt erlebt, weil es das Produkt damals nicht gab.
Der Index dahinter ist deutlich älter: Die FTSE-All-World-Historie wird seit dem 31.12.1986 berechnet, ursprünglich als FT-Actuaries World Index. Und als breit gestreuter Weltindex hängt er an denselben globalen Aktienmärkten wie der MSCI World, mit denselben Krisen. Der Satz, auf den es ankommt, lautet deshalb: Der ETF ist nur deshalb nie um 50 % gefallen, weil es ihn 2008 noch nicht gab. Der Index, den er kopiert, ist es. Wer vom MSCI World zum FTSE All-World wechselt, wechselt die Indexfamilie, nicht die Fallhöhe.
Wie viel tiefer fiel der Nasdaq-100?
Zur Einordnung, wie glimpflich der Weltindex vergleichsweise davonkam, lohnt der Blick auf einen konzentrierten Index. Der Nasdaq-100 verlor in der Dotcom-Krise von März 2000 bis Oktober 2002 −83 %, gemessen am Preisindex (Prime Buchholz). Dieser Preisindex sah sein Hoch aus dem März 2000 erst im August 2016 wieder, rund 16 Jahre später. Rechnet man Dividenden mit ein, war der Total-Return-Index bereits am 12. Februar 2015 zurück am alten Stand (FRED).
Eine Verwechslung hält sich dabei hartnäckig: Die oft zitierten „15 Jahre bis zum 23. April 2015" beziehen sich auf den Nasdaq Composite, der in der Dotcom-Krise −78 % verlor, nicht auf den Nasdaq-100. Wer Drawdown-Zahlen vergleicht, sollte Index, Preis- oder Total-Return-Variante und Währung immer mitlesen. Sonst vergleicht er drei verschiedene Dinge unter einem Namen.
Muss man −50 % nur aushalten, oder kann man Drawdown-Tiefe steuern?
Bis hierhin ist dieser Artikel reine Bestandsaufnahme, und ihre wichtigste Lehre ist unbequem: Rund −50 % sind im Passiv-Konsens der akzeptierte Eintrittspreis des Aktienmarkts. Die übliche Antwort darauf lautet aushalten, nicht hinsehen, weiter besparen. Für die meisten ist das die richtige Antwort, und sie hat die Geschichte auf ihrer Seite: Bisher hat der Weltindex jede dieser Krisen aufgeholt.
Mich hat beim eigenen Nachrechnen trotzdem eine zweite Frage nicht losgelassen: Lässt sich die Tiefe eines Drawdowns regelbasiert steuern, statt sie nur zu ertragen? Im eigenen Backtest 1999–2026 fiel eine ungesteuerte synthetische 3x-Nasdaq-Serie in der Spitze um −83,4 %; dieselbe Serie mit Dual-SMA-Trendfilter und Volatilitäts-Targeting blieb bei −48,3 % (USD, vor Steuern). Historisch, keine Garantie. Das ist dieselbe Größenordnung an maximalem Schmerz, die der ungehebelte MSCI World in seinen schlimmsten Phasen erreicht hat, bei einem historisch anderen Renditeprofil. Zur Transparenz gehört: Dieses Dual-SMA 60/250 mit Vol-Targeting ist der Tool-Standard im Backtest. Was der automatisierte Bot Stand heute live mit echtem Geld handelt, ist eine einfachere SMA190-Strategie; was er tatsächlich tut, zeigt der Live-Track-Record.
Drei Dinge gehören unmittelbar dazu. Erstens ist das eine Einordnung der historischen Backtest-Tiefe, keine Risikozusage, und ausdrücklich nicht der Satz „nicht riskanter als ein MSCI World". Zweitens können künftige Drawdowns tiefer ausfallen als alles, was in dieser Tabelle steht, beim Weltindex wie bei jeder Strategie. Drittens kann ein dreifach gehebeltes Instrument deutlich unter die historischen −48,3 % fallen, wenn die Regeln versagen, etwa durch Kurslücken über Nacht oder Fehlsignale beim Regimewechsel. Die vollständige Rechnung samt der Phasen, in denen die Regeln falsch lagen, steht im Artikel zum Drawdown gehebelter ETFs. Ob und für wen ein solcher Ansatz überhaupt infrage kommt, klärt der Artikel darüber, ob Hebel-ETFs langfristig sinnvoll sind. Und wie die Backtest-Zahlen entstehen, inklusive ihrer Grenzen, dokumentiert die Seite Methodik und Grenzen.
Häufige Fragen
Wie viel Prozent kann der MSCI World maximal fallen?
Eine feste Untergrenze gibt es nicht. Historisch verlor der MSCI World in Euro −54 % in der Dotcom-Krise und −48 % in der Finanzkrise; verkettet lag eine Einmalanlage vom Hoch 2000 zwischenzeitlich bis zu −60 % unter Wasser (Stiftung Warentest). Gerd Kommer zählt seit 1900 sechs Einbrüche des Welt-Aktienmarkts von real mindestens 45 %. Künftige Einbrüche können tiefer ausfallen als alle historischen.
Wie lange brauchte der MSCI World nach der Dotcom-Krise zur Erholung?
In Euro gerechnet ging die Dotcom-Erholung direkt in die Finanzkrise über: Eine Einmalanlage vom Hoch des Jahres 2000 erreichte ihren Einstand nominal erst nach über 13 Jahren wieder, im Frühjahr 2013. Die Finanzkrise für sich genommen war schneller ausgestanden: In US-Dollar dauerte die Erholung ab dem Tief vom März 2009 ~53 Monate.
Ist der FTSE All-World schon einmal um 50 % gefallen?
Der ETF nicht, der Index schon. Der Vanguard FTSE All-World UCITS ETF (A1JX52) existiert erst seit dem 22.05.2012 und hat weder die Dotcom-Krise noch die Finanzkrise miterlebt. Die Index-Historie reicht dagegen bis zum 31.12.1986 zurück, und als breiter Weltindex hängt der FTSE All-World an denselben Märkten und Krisen wie der MSCI World.
Warum weichen die Drawdown-Zahlen zum MSCI World je nach Quelle ab?
Drei Gründe: Währung, Indexvariante und Datenfrequenz. In der Finanzkrise verlor der MSCI World in Euro −48 %, in US-Dollar je nach Messmethode −54 % bis −57,8 %. Preis-, Netto- und Total-Return-Indizes behandeln Dividenden unterschiedlich, und Monatsdaten glätten Tiefs, die in Tagesdaten sichtbar sind. Seriöse Vergleiche nennen deshalb immer Währung und Messmethode mit.
Schützt ein Sparplan vor einem MSCI-World-Crash?
Nein, aber er verändert den Verlauf. In der verlorenen Dekade von Ende 1999 bis Frühjahr 2013 kam eine Einmalanlage in den MSCI World nominal auf ~0 % p.a. in Euro, ein monatlicher Sparplan im selben Fenster auf ~2,3 % p.a., weil die Raten in den Krisenjahren günstig einkauften (Lazyinvestors). Die zwischenzeitlichen Buchverluste aus der Drawdown-Tabelle erlebt ein Sparplan-Depot trotzdem.
Wie oft crasht der MSCI World?
Schwere Einbrüche sind selten, aber regelmäßig: Gerd Kommer zählt seit 1900 sechs Crashs des Welt-Aktienmarkts mit real mindestens 45 % Verlust, im Schnitt also grob einen pro Generation. Dazwischen liegen kleinere Rückgänge wie der Corona-Crash 2020 (−34 % in Euro) oder das Jahr 2022 (−14 % in Euro, Kalenderjahr), die deutlich schneller aufgeholt waren.
Quellen
- Finanztip: "MSCI World im Minus"
- Stiftung Warentest: MSCI-World-Index
- Biallo: "Börsen im Sturzflug"
- Gerd Kommer: "Welt-Aktienmarkt: Warum er jede Krise übersteht"
- Lazyinvestors: "MSCI World: Über 13 Jahre mit 0 % Rendite?"
- investingintheweb.com: MSCI World Index Historical Data
- Walter Scott: Downside Protection, The Other Side of the Return Equation
- Wikipedia: 2022 stock market decline
- Prime Buchholz: "Nasdaq: A Historical Perspective"
- FRED: NASDAQ-100 Total Return Index (XNDX)
- phys.org: "15 years, Nasdaq recoups losses of dot-com"
- Wikipedia: FTSE Global Equity Index Series
- justETF: Vanguard FTSE All-World UCITS ETF
- Eigene Kapitalschutz-Studie: Backtest 1999–2026 (Methodik und Grenzen)