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Backtest-Methodik

Warum die meisten Backtests zu gut aussehen: die 8 häufigsten Fehler und woran du ein ehrliches Tool erkennst

Die meisten Backtests fallen schöner aus, als die Realität es je war: durch Mehrfachtesten, Look-Ahead, fehlende Finanzierungskosten und fehlende Steuern. Dieser Artikel geht die acht häufigsten Fehler durch, jeder mit einer belegten Zahl. Am Ende steht eine Checkliste für ehrliche Backtest-Tools, inklusive der Lücken, die unser eigenes Tool Stand heute noch hat.

Das Wichtigste in Kürze

  • Ein Backtest ohne Angabe, wie viele Varianten probiert wurden, ist wertlos: Harvey und Liu verlangen wegen des Mehrfachtestens für neue Strategien eine höhere Signifikanzhürde (t ≥ 3,0 statt 2,0), nachdem die Literatur 316+ Faktoren durchgetestet hat.
  • Survivorship Bias überzeichnet Renditen in Fonds-Datenbanken um ~0,9 pp pro Jahr (Elton/Gruber/Blake), und der Nasdaq-100 selbst ist ein Survivorship-Konstrukt.
  • Fehlende Finanzierungskosten schönen jeden Hebel-Backtest: Der reale 3x-ETF UPRO lieferte 41 % in einem Jahr, in dem ein perfektes 3x-Modell 52 % ergeben hätte.
  • Regime-Abhängigkeit ist der teuerste Fehler: HFEA verlor bis Anfang Oktober 2022 rund −53 %, der S&P 500 −16 %.
  • Praktisch kein verbreitetes Tool rechnet deutsche Steuern, unseres Stand heute auch nicht. Wir benennen unsere offenen Lücken, bevor du sie suchst.

Wie aussagekräftig sind Backtests? Die ehrliche Antwort: Die meisten kaum, denn sie fallen systematisch schöner aus, als die Realität es je war. Nicht, weil jemand absichtlich fälscht, sondern weil sich acht typische Fehler fast unbemerkt in jede Backtest-Rechnung schleichen: Mehrfachtesten, Survivorship Bias, Look-Ahead, Timing-Luck, Regime-Abhängigkeit, fehlende Finanzierungskosten, Monatsdaten und fehlende Steuern.

Dieser Artikel geht die acht Fehler einzeln durch, jeweils mit einer belegten Zahl aus Forschung oder Messung. Und weil wir selbst ein Backtest-Tool betreiben, drehen wir den Spieß am Ende um: Wir legen offen, was unsere Engine methodisch richtig macht, und benennen die Lücken, die sie Stand heute noch hat, bevor du sie suchen musst.

Die 8 häufigsten Backtesting-Fehler im Überblick

Für den schnellen Überblick: die acht Fehler, was sie bewirken und die jeweils stärkste Zahl dahinter. Die Details und Quellen folgen in den Abschnitten darunter.

Die 8 häufigsten Backtesting-Fehler und ihre belegten Zahlen

FehlerWas er bewirktBelegte Zahl
1. Overfitting durch MehrfachtestenDie beste von vielen getesteten Varianten ist meist ZufallHarvey/Liu: t ≥ 3,0 statt 2,0; 316+ getestete Faktoren
2. Survivorship BiasGescheiterte Fonds und Firmen fehlen in den Daten~0,9 pp p.a. Überzeichnung (Elton/Gruber/Blake)
3. Look-Ahead BiasDer Backtest handelt auf Kurse, die er noch nicht kennen konnteSignal und Ausführung zum selben Schlusskurs statt real t+1 am Open
4. Timing-LuckDie eine Parameterwahl ist Glück, nicht KönnenHoffstein: 200 vs. 205 Tage: langfristig gleich, kurzfristig massiv verschieden
5. Regime-AbhängigkeitGetestet wird das Regime, nicht die StrategieHFEA 2022 bis Anfang Okt.: −53 % vs. S&P 500 −16 %
6. Fehlende FinanzierungskostenHebel-Renditen werden systematisch überschätztUPRO real 41 % statt 52 % im perfekten 3x-Modell
7. Monats- statt TagesdatenDrawdowns wirken flacher, als sie warenPortfolio Visualizer rechnet mit Monatsdaten
8. Fehlende SteuernJeder Verkauf löst real Steuern aus, im Backtest nichtSteuerstundungsvorteil bis 1,1 pp p.a. (Kommer, Worst Case)

Quelle: Einzelnachweise zu jeder Zeile in den Abschnitten unten und im Quellenverzeichnis

Fehler 1: Overfitting durch Mehrfachtesten

Wer hundert Varianten einer Strategie testet und die beste präsentiert, hat mit hoher Wahrscheinlichkeit keine Strategie gefunden, sondern Rauschen. Bailey, Borwein, López de Prado und Zhu entwickelten dafür die „Probability of Backtest Overfitting"; Bailey und López de Prado ergänzten die Deflated Sharpe Ratio (die Sharpe Ratio ist das gängige Maß für Rendite pro Risiko), die eine berichtete Sharpe Ratio um die Anzahl der Versuche, die Stichprobenlänge und die Verteilungsform korrigiert. Ihre unbequeme Kernaussage: Die im Backtest beste Variante schneidet außerhalb der Stichprobe tendenziell sogar schlechter ab als der Median aller Versuche.

Campbell Harvey und Yan Liu ziehen in ihrem Papier „Backtesting" eine harte Konsequenz: Wegen des Mehrfachtestens verlangen sie für neue Strategien eine strengere Signifikanzschwelle (t ≥ 3,0 statt 2,0). Der Grund ist dokumentiert: Die akademische Literatur hat inzwischen 316+ Renditefaktoren durchgetestet, den sogenannten „Factor Zoo". Bei so vielen Versuchen sind beeindruckende Zufallstreffer mathematisch garantiert.

Daraus folgt der wichtigste Satz dieses Artikels: Ein Backtest ohne Angabe, wie viele Varianten probiert wurden, ist wertlos.

Fehler 2: Survivorship Bias

Fonds-Datenbanken enthalten überwiegend die Überlebenden. Geschlossene und fusionierte Fonds verschwinden mitsamt ihrer schlechten Historie, und Elton, Gruber und Blake bezifferten die dadurch entstehende Überzeichnung annualisierter Renditen auf ~0,9 pp pro Jahr. Das klingt klein. Über Jahrzehnte ist es ein erheblicher Teil dessen, was in Rückrechnungen wie Können aussieht.

Der Bias steckt aber nicht nur in Fonds-Daten, sondern in den Indizes selbst. Der Nasdaq-100, auf dem viele Hebel-Backtests laufen, kuratiert seine Gewinner laufend nach: Absteiger fliegen raus, Aufsteiger rücken nach. Dass ausgerechnet dieser Index vier Jahrzehnte so lief, wie er lief, wusste 1985 niemand. Ein Nasdaq-Backtest testet deshalb immer auch die nachträgliche Gewissheit, auf den richtigen Index gesetzt zu haben. Das lässt sich nicht wegrechnen. Aber ein ehrlicher Backtest sagt es dazu.

Fehler 3: Look-Ahead Bias

Der Klassiker bei Trendfolge-Strategien geht so: Das Signal entsteht auf Basis des Tagesschlusskurses, und der Backtest führt zum selben Schlusskurs aus. Das klingt harmlos, ist aber eine kleine Zeitreise. Ob der Kurs über oder unter seiner 200-Tage-Linie schließt, steht erst mit dem Schlusskurs fest; real kannst du frühestens am nächsten Morgen zur Eröffnung handeln, und dazwischen liegt eine Nacht, in der der Kurs springen kann. Ein Same-Close-Backtest kauft systematisch mit dem Wissen von heute zu den Kursen von gestern und schönt so jede Trendfolge-Rechnung.

Look-Ahead hat viele Verwandte: die heutige Indexzusammensetzung, rückwirkend auf frühere Jahre angewandt, oder Kursreihen, deren Anpassungen Zukunftsinformation enthalten. Allen gemeinsam ist, dass der Fehler in der fertigen Kurve unsichtbar bleibt und das Ergebnis nur in eine Richtung verzerrt: nach oben.

Fehler 4: Timing-Luck. Ist deine Parameterwahl Können oder Würfel?

Angenommen, dein Backtest zeigt: Die 200-Tage-Linie funktioniert. Hättest du mit 205 Tagen dasselbe Ergebnis bekommen? Corey Hoffstein und Newfound Research haben diese Frage systematisch untersucht und den Effekt als „Rebalance Timing Luck" formalisiert. Der Befund: Benachbarte Varianten wie 200 und 205 Tage sind langfristig statistisch nicht zu unterscheiden, liefern kurzfristig aber massiv unterschiedliche Ergebnisse, weil sie an unterschiedlichen Tagen auslösen. Sogar der exakte Tag im Monat, an dem eine Strategie rebalanciert, verändert die Ergebnisse signifikant.

Das hat eine unangenehme Konsequenz für jeden, der „die beste" Parameterkombination präsentiert: Die Wahl der einen Gewinner-Variante ist selbst In-Sample-Optimierung, also Fehler 1 durch die Hintertür. Hoffsteins Antwort darauf sind Ensembles, mehrere benachbarte Varianten parallel, damit sich das Glück herausmittelt. Die Mindestanforderung an ein ehrliches Tool ist schwächer, aber klar: Es zeigt die Ergebnis-Bandbreite über die Nachbar-Parameter, nicht nur die eine Kombination. Als Faustregel zur Veranschaulichung, kein Messwert: Kippt eine Strategie von Gewinn auf Verlust, wenn ein Parameter nur leicht wandert, etwa von 20 auf 22 Perioden, war sie nie robust.

Ich bin in diese Falle selbst gelaufen. Meine erste Trendfolge-Regel war eine einzelne 190-Tage-Linie, und im Backtest sah sie überzeugend aus. Erst Hoffsteins Arbeit machte mir klar, dass zwischen 190, 200 und 205 Tagen weniger Können und mehr Würfel liegt, als eine einzelne Backtest-Kurve suggeriert. Das war einer der Gründe, den Backtest-Standard im Tool von einer einzelnen Linie auf ein Regelwerk mit Sensitivitäts-Prüfung umzustellen.

Fehler 5: Regime-Abhängigkeit

Ein Backtest, der nur ein Marktregime enthält, testet nicht die Strategie, sondern das Regime. Das teuerste Anschauungsbeispiel der letzten Jahre ist HFEA, ein dreifach gehebeltes Aktien-Anleihen-Portfolio aus dem Bogleheads-Forum (aktuell rund 55 % UPRO / 45 % TMF): Im Backtest ab 1982 sah es brillant aus, weil dieser Zeitraum fast durchgehend fallende Zinsen enthielt. 2022, als Aktien und Anleihen gleichzeitig fielen, verlor HFEA bis Anfang Oktober rund −53 %, während der S&P 500 bei −16 % lag. Die ganze Geschichte steht im Artikel über HFEA und das Jahr 2022.

Dieselbe Frage muss sich jeder Nasdaq-Backtest gefallen lassen, unserer eingeschlossen: Die Historie ab 1999 enthält Dotcom-Crash, Finanzkrise, Corona und 2022, aber keine Stagflation wie in den 1970ern und keinen gut 16 Jahre langen Seitwärtsmarkt wie 1966 bis 1982. Was eine Strategie in einem Regime kann, das in ihren Daten nicht vorkommt, weiß niemand. Auch wir nicht.

Fehler 6: Fehlende Finanzierungskosten bei Hebel-ETFs

Der häufigste Rechenfehler bei Hebel-Backtests: Tagesrendite mal drei, minus TER (die laufenden Fondskosten pro Jahr), fertig. So funktioniert ein 3x-ETF aber nicht. Er leiht sich rund 200 % seines Nettovermögens zusätzlich und zahlt darauf Zinsen plus Spread, und diese Finanzierungskosten stehen nicht in der TER. etf.com hat den Unterschied gemessen: UPRO, der bekannteste 3x-S&P-500-ETF, lieferte in einem Jahr real 41 %, während ein rechnerisch perfektes 3x-Modell ohne Finanzierungskosten 52 % ergeben hätte (das genaue Jahr nennt die Quelle nicht). Finanzfluss beschreibt für einen 2x-USA-ETF ein ähnliches Rendite-Defizit (real ~1,7x statt 2,0x), erklärt es dort aber primär über Volatility Drag statt über Finanzierungskosten.

Die Lücke wächst mit dem Leitzins, denn geliehen wird zum kurzfristigen Geldmarktsatz. Ein naiver Mal-drei-Backtest überschätzt Hebel-Renditen deshalb systematisch, am stärksten in Hochzinsphasen. Ob gehebelte ETFs trotz dieser Kosten langfristig sinnvoll sein können, und an welcher Bedingung das hängt, behandelt der Artikel über Hebel-ETFs für langfristiges Anlegen.

Fehler 7: Monats- statt Tagesdaten

Portfolio Visualizer, lange das Standard-Tool der Community, rechnet mit Monatsdaten. Für Buy-and-Hold-Vergleiche ist das verschmerzbar. Für alles andere nicht: Ein Monatsendwert sieht das Tief in der Monatsmitte nicht, Drawdowns und Volatilität wirken dadurch flacher, als sie waren. Ein täglich resettender Hebel-ETF lässt sich mit Monatsdaten grundsätzlich nicht sauber abbilden, weil seine Pfadabhängigkeit genau auf Tagesebene entsteht. Und eine Trendfolge-Strategie, die täglich Signale prüft, braucht Tagesdaten, sonst testet man ein anderes System als das, das man später handeln will.

Fehler 8: Fehlende Steuern

Praktisch kein verbreitetes Backtest-Tool rechnet Steuern. Portfolio Visualizer schließt echte Steuern in seiner FAQ ausdrücklich aus dem Standard-Ergebnis aus, testfol.io und Curvo rechnen ebenfalls vor Steuern. Auch die vielzitierte 200-Tage-Linien-Analyse von HQ Trust (7,1 % p.a. für die Strategie gegen 7,3 % für Buy-and-Hold, 1973 bis August 2024) weist ihre Ergebnisse ohne Steuereffekte aus.

Für Strategien, die zwischen Investiert und Cash wechseln, ist das der größte einzelne Realitätsbruch: Jeder Verkauf realisiert Gewinne und löst in Deutschland Abgeltungsteuer aus, während Buy-and-Hold die Steuer stundet und den Zinseszins darauf behält. Gerd Kommer beziffert diesen Stundungsvorteil im Worst Case jährlicher Vollrealisierung auf rund 1,1 pp Nettorendite pro Jahr. Was das für eine 200-Tage-Strategie nach deutschem Steuerrecht konkret bedeutet, rechnet der Artikel über die 200-Tage-Strategie nach Steuern durch. Und damit es hier klar gesagt ist: Unser eigenes Tool rechnet die deutsche Abgeltungsteuer inzwischen direkt mit. Ein optionaler DE-Steuer-Modus zeigt die Netto-Sicht nach Teilfreistellung und Sparerpauschbetrag. Dazu gleich mehr.

Woran erkennst du ein ehrliches Backtest-Tool?

Aus den acht Fehlern folgt eine Checkliste mit sieben Kriterien: tägliche Daten, Hebel mit Finanzierungskosten, Ausführung ohne Look-Ahead, sichtbare Parameter-Bandbreite, Out-of-Sample-Prüfung, deutsche Steuern und EUR-Sicht. So schlagen sich die drei verbreitetsten Tools und unser eigenes. Wo wir eine Eigenschaft eines fremden Tools nicht geprüft haben, steht das so in der Tabelle, statt zu raten.

Fair vorweg: testfol.io ist bei der Hebel-Simulation stark und hat Portfolio Visualizer in den Hebel-Communities weitgehend abgelöst, mit täglicher Simulation, Finanzierungskosten auf Basis historischer Fed-Funds-Zinsdaten ab 1954 und einem justierbaren Finanzierungs-Spread. Curvo wiederum ist das einzige der drei mit konsequenter EUR-Perspektive und langer MSCI-Historie. Beim Hebel-Punkt muss man genau hinschauen: Curvo listet reale gehebelte UCITS-ETFs als Portfolio-Bausteine, eine einstellbare synthetische Hebel-Simulation mit Finanzierungskosten wie bei testfol.io gibt es dort aber nicht. Und Timing-Strategien kann Curvo nicht testen, es rechnet nur Buy-and-Hold und Sparplan.

Checkliste ehrliches Backtest-Tool: testfol.io, Portfolio Visualizer, Curvo und unser Tool

Kriteriumtestfol.ioPortfolio VisualizerCurvoUnser Tool
Tägliche DatenJa (tägliche Hebel-Simulation)Nein (Monatsdaten)Nein (Monatsdaten)Ja
Hebel mit FinanzierungskostenJa (Fed-Funds-Zins ab 1954, Spread justierbar)Eingeschränkt (Modellierung laut Community-Vergleichen gröber)Eingeschränkt (reale 2x-UCITS-ETFs als Bausteine, keine einstellbare Hebel-Simulation)Ja (T-Bill-Zins, also der Satz kurzlaufender US-Staatsanleihen, plus kalibrierter Spread und TER in der synthetischen Serie)
Ausführung t+1 ohne Look-AheadNicht ausgewiesen (von uns nicht geprüft)Nicht ausgewiesen (von uns nicht geprüft)Entfällt (keine Timing-Strategien)Ja (Signal auf Schlusskurs, Ausführung am Open des Folgetags)
Parameter-Bandbreite sichtbarNicht ausgewiesen (von uns nicht geprüft)Nicht ausgewiesen (von uns nicht geprüft)Entfällt (keine Timing-Strategien)Teilweise (SMA-Sensitivitätstabelle 100 bis 250; Bandbreite für SMA-Paare geplant)
Out-of-Sample-PrüfungNicht ausgewiesen (von uns nicht geprüft)Nicht ausgewiesen (von uns nicht geprüft)Entfällt (nur Buy-and-Hold und Sparplan)Ja (Optimizer mit Train/Test-Split)
Deutsche SteuernNeinNein (Steuer-Features nur im Pro-Plan, US-Steuerrecht)NeinJa (optionaler DE-Steuer-Modus: Abgeltungsteuer 26,375 %, Teilfreistellung, Sparerpauschbetrag)
EUR-SichtEingeschränkt (EUR nur als Anzeige-Umrechnung, keine native EUR-Sicht)Nein (USD-zentriert)Ja (EUR-Perspektive)Ja (umschaltbare EUR-Sicht mit EZB-Wechselkursen)

Quelle: testfol.io-Hilfe, Portfolio-Visualizer-FAQ, Curvo-FAQ (Stand Juli 2026), eigene Methodik. Einzelnachweise im Quellenverzeichnis

Die Steuern-Zeile war lange die unbequemste: Dort stand bei allen vier Tools Nein. Bei den drei fremden Werkzeugen steht es weiter; unser Tool rechnet die deutsche Steuer inzwischen mit und hat damit die Lücke geschlossen, die wir hier lange selbst benannt haben. Der Unterschied bleibt, ob ein Anbieter eine Lücke offen benennt, statt sie zu verschweigen.

Unsere eigenen Karten, offen auf den Tisch

Was unsere Engine tut, dokumentiert im Detail die Seite Methodik und Grenzen. Die Kurzfassung entlang der acht Fehler: Signale entstehen auf dem Tagesschlusskurs, ausgeführt wird am Open des Folgetags, ohne Look-Ahead (Fehler 3). Gerechnet wird auf Tagesdaten mit Total-Return-Preisen, also inklusive Dividenden (Fehler 7). Die synthetische 3x-Historie vor 2010 enthält Finanzierungskosten aus T-Bill-Zins plus kalibriertem Spread sowie die TER (Fehler 6), und jede Ausführung kostet pauschal 0,1 % des gehandelten Volumens. Gegen Overfitting läuft der Optimizer mit Train/Test-Split, bewertet also auf Daten, die die Optimierung nie gesehen hat (Fehler 1), und eine SMA-Sensitivitätstabelle zeigt die Nachbar-Parameter statt nur der Gewinner-Kombination (Fehler 4). Das Monte-Carlo-Modul ist deterministisch geseedet und dokumentiert seine Grenzen, statt sie zu verstecken.

Und jetzt die Ehrlichkeit in eigener Sache, inzwischen mit weniger Lücken als früher. Zwei, die hier lange standen, sind geschlossen: Das Tool rechnet die deutsche Abgeltungsteuer jetzt optional mit (Fehler 8; wichtig, weil jeder Verkauf einer Umschichtungs-Strategie in Deutschland Steuer auslöst, während Buy-and-Hold den Steuerstundungs-Zinseszins behält), und es gibt eine umschaltbare EUR-Sicht mit EZB-Wechselkursen statt nur USD. Auch die Cash-Verzinsung lässt sich zuschalten: Standardmäßig werden Cash-Phasen mit 3-Monats-T-Bill (^IRX) gerechnet (konservativ, das lässt die Strategie eher schlechter aussehen), per Cash-Zins-Schalter aber mit dem T-Bill-Zins kurzlaufender US-Staatsanleihen. Offen bleibt vor allem eine Modell-Grenze: Das Monte-Carlo-Modul bootstrappt die fertige Strategie-Kurve, statt die Signale auf jedem simulierten Pfad neu zu berechnen; das Risiko von Fehlsignalen in Alternativpfaden unterschätzt es damit. Jedes Backtest-Tool hat so eine Liste. Der Unterschied ist nur, ob sie veröffentlicht wird.

Häufige Fragen

Wie aussagekräftig sind Backtests?

Ein Backtest ist eine Aussage über die Vergangenheit unter Modellannahmen, nie eine Prognose. Aussagekräftig wird er erst, wenn die Methodik offenliegt: wie viele Varianten getestet wurden, wann Signale ausgeführt werden, welche Kosten und welche Datenfrequenz einfließen. Fehlen diese Angaben, ist die ausgewiesene Rendite praktisch wertlos, denn typische Fehler wie Look-Ahead oder fehlende Finanzierungskosten verzerren das Ergebnis fast immer nach oben.

Was ist Overfitting beim Backtesting?

Overfitting heißt: Eine Strategie ist an die historischen Daten angepasst statt an einen echten Marktmechanismus. Sie entsteht meist durch Mehrfachtesten, also viele Varianten probieren und die beste zeigen. Harvey und Liu fordern deshalb für neue Strategien eine höhere statistische Hürde (t ≥ 3,0 statt 2,0), nachdem die Forschung 316+ Faktoren durchgetestet hat. Gegenmittel sind Out-of-Sample-Tests, Train/Test-Splits und die ehrliche Angabe, wie viele Varianten probiert wurden.

Was ist Look-Ahead Bias?

Look-Ahead Bias bedeutet, dass ein Backtest Informationen nutzt, die zum Handelszeitpunkt noch nicht verfügbar waren. Der Klassiker bei Trendfolge: Das Signal basiert auf dem Tagesschlusskurs, und der Backtest führt zum selben Schlusskurs aus. Real steht das Signal erst nach Börsenschluss fest, gehandelt werden kann frühestens am nächsten Morgen zur Eröffnung. Ehrliche Backtests führen deshalb bei Signal am Tag t erst am Tag t+1 zum Eröffnungskurs aus.

Warum sehen Backtests von Hebel-ETFs oft zu gut aus?

Weil viele Rückrechnungen einfach die Tagesrendite mit dem Hebel multiplizieren und nur die TER abziehen. Real leiht sich ein 3x-ETF rund 200 % seines Nettovermögens und zahlt darauf Zinsen plus Spread, die nicht in der TER stehen. etf.com hat gemessen: Der reale 3x-ETF UPRO lieferte 41 % in einem Jahr, in dem ein perfektes 3x-Modell 52 % ergeben hätte. Finanzfluss beziffert einen 2x-USA-ETF langfristig auf real ~1,7x statt 2,0x.

Berücksichtigen Backtest-Tools Steuern?

Die meisten verbreiteten Lösungen nicht: Portfolio Visualizer schließt echte Steuern im Standard-Ergebnis aus, testfol.io und Curvo rechnen vor Steuern. Unser eigenes Tool rechnet die deutsche Abgeltungsteuer (26,375 %) inzwischen optional mit, inklusive Teilfreistellung für Aktienfonds und Sparerpauschbetrag. Gerade für Umschichtungs-Strategien ist das relevant, weil jeder Verkauf in Deutschland Steuer auslöst, während Buy-and-Hold sie stundet.

Was ist Timing-Luck?

Timing-Luck ist der Zufallsanteil, der allein aus der Wahl eines Parameters oder Rebalance-Zeitpunkts entsteht. Hoffstein und Newfound Research haben gezeigt: Trendfolge-Varianten mit 200 und 205 Tagen sind langfristig statistisch nicht zu unterscheiden, kurzfristig liefern sie aber massiv unterschiedliche Ergebnisse, weil sie an unterschiedlichen Tagen auslösen. Ein ehrlicher Backtest zeigt deshalb die Bandbreite über benachbarte Parameter statt einer einzelnen Gewinner-Kombination.

Quellen

  1. Bailey/Borwein/López de Prado/Zhu: "The Probability of Backtest Overfitting" (SSRN 2326253)
  2. Bailey/López de Prado: "The Deflated Sharpe Ratio" (SSRN 2460551)
  3. Harvey/Liu: "Backtesting" (Duke, Published Papers P120)
  4. Harvey/Liu/Zhu: "... and the Cross-Section of Expected Returns" (SSRN 2345489, "Factor Zoo")
  5. Bogleheads-Forum: Survivorship-Bias-Diskussion
  6. Nasdaq: Nasdaq-100 Index (NDX) Overview
  7. Hoffstein et al., "Rebalance Timing Luck" (SSRN 3673910)
  8. etfcentral.com: "Hedgefundie's Excellent Adventure: 3x Leveraged ETF Portfolio"
  9. Optimized Portfolio: "Hedgefundie's Excellent Adventure" (Allokationshistorie)
  10. Wikipedia: Closing milestones of the Dow Jones Industrial Average (Phase "1966–1982: Bear market")
  11. etf.com: "Leveraged ETFs' Hidden Costs Eat Your Returns"
  12. Finanzfluss: "ETF hebeln"
  13. HQ Trust: "Timing-Strategie im Check: wann sich Investieren mit der 200-Tage-Linie lohnt"
  14. Gerd Kommer: "Steuern sparen mit Buy-and-Hold"
  15. testfol.io: Hilfe und Methodik-Dokumentation
  16. Portfolio Visualizer: FAQ
  17. Curvo: Backtest-FAQ
  18. Curvo: Fonds-Übersicht (Backtest-Bausteine)
  19. Eigene Backtest-Engine: Methodik und Grenzen